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Mia san Mia … pianissimo

In Europa braucht deutsche Politik so viel Takt wie die Bayern in ihrer Fussball-Hymne

Münchens (weltberühmte) Philharmoniker boten zum Fussball-Finale im
Wembley-Stadion das urbajuwarische „Mia san Mia“ politisch so züchtig dar, wie
man es aus deutschen Landen nicht immer kennt. In ihrer Hymne zur
Champions-League schufen Komponist und Textdichter noch Platz für Englands „God
save the Queen“, zudem für ein Motiv des gebürtigen Deutschen und
Wahl-Londoners Georg-Friedrich Händel (1685-1759) aus dessen Krönungshymne
„Zadok the Priest“. Kein Zeremonienmeister oder Aussenamts-Protokollchef hätte
das besser gemacht. So viel Umsicht – schon mal gehört: Fingerspitzengefühl – wünschte man
sich auch sonst von Deutschen, die zusehends, aber unwillig, in irgendeine Art  europäischer Führungsrolle geraten.

1969 sagte mir Englands Aussenminister George Brown – in seinem engen
Abgeordnetenbüro in Londons Bridge Street No. 1 – allen Ernstes:“Europa muss
von den Deutschen geführt werden!“ Damit wollte der Brite, dem Frankreich den Zutritt zur damaligen EG verweigerte – der heutigen EU, nur die Franzosen ärgern.

Heute kann deutsche Führung tatsächlich passieren, momentweise zumindest. Die einen wollen mit dieser Idee die EU im Deutschenhass ersäufen. Andere meinen sie so zu retten. Zwischen beiden Polen muss deutsche Politik die von Fall zu Fall passende
Vorgehensweise wählen. Taktvoll am liebsten.

Allumfassend  zweckdienlich ist da nicht, was soeben aus Berlins Finanzministerium kommt. Wolfgang Schäuble soll erwägen, für notleidende EU-Südländer einen „einstelligen Milliardenbetrag“
zinsbilliger Kredite (Spiegel-Online) bereit zu stellen. Für deren
mittelständische – also Innovation und Jobs schaffende! – Wirtschaft vor allem.
Eigentlich ein exzellentes Konzept. Es hätte statt 2013 schon seit 2010/11 Deutschlands  Sanierungs- und Sparkurs „für Europa“  begleiten können.

Europas Marshallplan für unsere Südflanke

Diese Art „Marshallplan“ erspart den deutschen Sparsamkeitspastoren viel – bittere und begreifbare – Kritik aus Europas Süden. Zu früh kommt dieser Entwurf also bestimmt nicht daher. Wohl aber auf dem falschen Fuss. „Wieder mal“, muss man leider hinzufügen.

Der Bundesfinanzminister will die Gelder über die staatliche „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ leiten. Die KfW (Frankfurt), vor 65 Jahren entstanden aus dem Marshallplan, kann die Gelder zum niedrigen, weil dem Vertrauen zu Deutschland geschuldeten Zins den südlichen Kreditnehmern gewähren (die selbst nur zu höherem Zins bedient würden).

Diese deutsche Wohltat wirkte weniger aufdringlich als e u r o p ä i s c h e r  Beistand. Was zudem Sinn gäbe, weil gerade auch der ökonomisch-politische Nutzen der EU Deutschlands Wirtschaftsblüte dient. Der Beginn eines EU-Marshallplans für die Südflanke wird hier immerhin erkennbar.

Sie ist bedrängt – neben vielem anderen – auch von wachsenden
Flüchtlingsmassen aus Afrika und Nah/Mittelost: Allein Italien schätzt die Zahl
seiner Illegalen auf über 2 Millionen. Da muss nicht allein Deutschland mit
abendländischem Hilfswillen glänzen.

Die Gelder lassen sich über die Europäische Investionsbank mobilisieren: Die EIB in Luxemburg besitzt ein zinsgünstiges, erstklassiges Kreditstanding wie Deutschlands KfW. Und die Südpartner geraten
so nicht ins Zwielicht derer, die am „deutschen“ Tropf nuckeln sollen.

Takt gehört sogar zur Politik. Vor allem für Demokratien, wo Vieles gleich in die Medien gelangt. Das sollte man in „preussisch Berlin“ (so hiess die Capitale zu Kaisers Zeiten im Westen des Reiches) nun also lernen. Etwa von den Bayern, von ihrer – auch politpsychologisch geschmackvollen – Fussballhymne.

Der Fehlgriff des “preussischen” Hanseaten – 1974

Zumal längst ein Beispiel schreckt. Italiens Staatsschuld lag 1974 bei 56 Prozent der Wirtschaftsleistung (für die heutigen Euro-Länder waren es 30). Für Rom hiess das: Sparen. Kredit war gefragt. Bundeskanzler Helmut Schmidt bot 2 Mrd. $ an. Dafür musste Italien 515 t seines Währungsgoldes
als Pfand hinterlegen … bei der Deutschen Bundesbank. Zum Verkauf, falls Italien Pleite ginge.

Der Zorn der Beleidigten wogte gewaltig. Die EIB gibt es seit 1958. Wie im Schäuble-Plan gehört die Stärkung des Mittelstands zu den Hauptztielen der Bank. Hanseat Schmidt bediente sich ihrer nicht, um solchermassen den deutschen Hilfewillen in Samt zu betten. Der Fehlgriff könnte sich in preussisch Berlin 2013 wiederholen.

Wer so „führt“, geht baden.

 

 

 

 

 

Posted in Europa: unsere Zukunft, Stabilität heisst "Sozialer" Markt, Tacheles.


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